Dipl.-Psych. Markus Schindler, Köln

Psychotherapie: Lange Wartezeiten müssen nicht sein

Psychische Probleme und Arbeitsplatz

Psychische Probleme wie z. B. eine depressive Episode wirken sich in aller Regel auch negativ auf das Verhalten am Arbeitsplatz aus: Häufigere Krankschreibungen, verminderte Leistungsfähigkeit, schlechtere Arbeitsqualität und sozialer Rückzug sind häufig die Folge. Dadurch geraten die Betroffenen nicht selten auch ins soziale Abseits: Die Gefahr, irgendwann „Mobbingopfer“ zu werden und auch beim Vorgesetzten auf der „Abschussliste“ zu stehen, erhöht sich. Letztenendes ist damit auch der Arbeitsplatz selbst in Gefahr.
Klug ist es daher, sich rechtzeitig in psychotherapeutische Behandlung zu begeben, um es gar nicht bis zum Äußersten kommen zu lassen. Da die Psychotherapie eine Kassenleistung ist, kann man sich einfach einen Psychotherapeuten mit Kassenzulassung aussuchen (z. B auf der Internetseite der Kassenärztlichen Vereinigung). Wer dies jedoch schon einmal getan hat wird feststellen, dass die Wartezeiten auf einen Therapieplatz erschreckend lang sind: 6 Monate und länger sind momentan eher die Regel als die Ausnahme. An dieser Stelle stellt sich die Frage:

Muss man immer so lange warten? Gibt es keine andere Möglichkeit, früher einen Therapieplatz zu bekommen?

Ja, diese Möglichkeit gibt es glücklicherweise. In diesem Beitrag möchte ich diese Möglichkeit kurz vorstellen.

Nach einem Urteil des Bundessozialgerichtes ist eine Wartezeit auf einen Psychotherapieplatz von maximal 3 Monaten zumutbar (Az. Rka 15/97). Kann die Krankenkasse innerhalb dieser Zeit nicht für die Behandlung ihres Versicherten sorgen, haben Sie als Patient/in das Recht, sich diese Leistung selbst zu beschaffen und sich die Kosten für diese Behandlung von der Krankenkasse erstatten zu lassen (§ 13 Absatz 3 SGB V). Diese Vorgehensweise wird „Psychotherapie im Kostenerstattungsverfahren“ genannt. In aller Regel bieten psychologische und ärztliche Psychotherapeuten mit Privatpraxis an, in diesem Rahmen gesetzlich Versicherte zu behandeln. Psychotherapeuten mit Privatpraxis sind, sofern sie in einem Richtlinienverfahren ausgebildet sind (Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und analytische Psychotherapie) ebenso qualifiziert wie die Psychotherapeuten mit Kassenzulassung. Auch sie sind im Besitz einer Approbation (staatliche Zulassung nach Studium, Weiterbildung und Abschlussprüfung) und sind im Ärzteregister der Kassenärztlichen Vereinigung eingetragen. Solche Psychotherapeuten mit Privatpraxis finden Sie z. B. auf der Internetseite www.therapie.de. Diese Psychotherapeuten sind in aller Regel auch mit dem Kostenerstattungsverfahren vertraut. Damit die Kasse diese Leistung auch bezahlt, muss selbstverständlich ein Antrag gestellt werden, in dem belegt werden muss, dass bei einem Psychotherapeuten mit Kassenzulassung innerhalb von drei Monaten keine Psychotherapie begonnen werden kann.

Daher gehen Sie bitte wie folgt vor:

1. Rufen Sie fünf bis sechs Psychotherapeuten mit Kassenzulassung an und notieren Sie deren Namen, Datum und Uhrzeit des Telefongespräches und die Wartezeit auf einen Behandlungsplatz (wichtig hier: Es zählt nicht die Wartezeit auf ein Erstgespräch, sondern die Wartezeit auf wöchentliche Therapiesitzungen).
2. Gehen Sie mit dieser Liste zu einem Psychotherapeuten mit Privatpraxis. Er wird Ihnen behilflich sein, Ihren Antrag bei der Krankenkasse korrekt zu stellen. Darüber hinaus wird auch er ein Schreiben fertigmachen, in dem er darlegt, dass zeitnah ein Psychotherapieplatz bei ihm zur Verfügung steht und die Behandlung sofort begonnen werden kann.
3. Um die Kasse von der Dringlichkeit der Behandlung zu überzeugen, erwarten diese häufig eine ärztliche Notwendigkeitsbescheinigung. Diese Bescheinigung (den Vordruck hierfür erhalten Sie vom Psychotherapeuten) müssen Sie sich von ihrem Arzt ausfüllen lassen, der Sie ja normalerweise gut kennt und dies meist gerne bestätigt.

Wenn dies alles erledigt ist, werden die Unterlagen zur Krankenkasse geschickt, die den Antrag innerhalb von fünf Wochen bearbeiten muss. Tut sie dies nicht, gilt der Antrag als genehmigt (Paragraph 13 Absatz 3a SGB V).

Dass dieses Verfahren bürokratischer und aufwändiger ist als einfach mit der Krankenkassenkarte zu einem kassenzugelassenen Psychotherapeuten zu gehen, ist der Nachteil an diesem Weg, sich in psychotherapeutische Behandlung zu begeben. Auf der anderen Seite ist Ihnen hier eine nicht sehr bekannte aber realistische Möglichkeit eröffnet, frühzeitiger psychische Probleme anzugehen und evtl. existenzielle Schwierigkeiten am Arbeitsplatz von vornherein zu verhindern. Und das ist die Mühe wert finde ich.

Dipl.-Psych. Markus Schindler (externer Gastautor)

Dipl.-Psych. Markus Schindler (externer Gastautor)

Psychologischer Psychotherapeut bei Dipl.-Psych. Markus Schindler
Barbarossaplatz 2
50674 Köln
Telefon 0176 / 81276995
E-Mail schindler-therapie(at)gmx.de
Dipl.-Psych. Markus Schindler (externer Gastautor)

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